Wenn die Arbeit unter die Haut geht: Mitarbeiter lassen sich Chips einpflanzen


13. Februar 2017 Facebook Twitter LinkedIn Google+ News,Trends,Wissenswertes



Dass Mitarbeiter unbezahlte Überstunden in Kauf nehmen und auf Schlaf verzichten, um das Unternehmen in vollstem Maße zu unterstützen, dürfte keine großartige Neuigkeit mehr sein. Dass die Arbeit jetzt aber mit implantierten Chips bis unter die Haut geht, dagegen schon. Ein belgisches Technologie-Unternehmen hat acht Freiwillige gefunden, die sich einen Chip zugunsten des Unternehmens einpflanzen ließen.

Chip statt Schlüssel und Ausweis

Nachdem ein Angestellter des belgischen Technologie-Unternehmens „NewFusion“ immer wieder seinen Mitarbeiterausweis vergessen hatte, spaßte er mit Kollegen, dass es besser sei, er ließe sich einen Chip unter die Haut implantieren. So seien weder Schlüssel noch Mitarbeiterausweis mehr notwendig. Nur kurze Zeit später wurde die einst lustige Idee in die Tat umgesetzt und acht freiwillige Mitarbeiter haben sich für das Einpflanzen eines Chips entschieden. Dieser Chip besitzt nur etwa die Größe eines Reiskorns und wurde den Mitarbeitern zwischen Daumen und Zeigefinger implantiert.

Aufgrund der geringen Größe spüren die Probanden den Chip kaum. Da sich darauf alle relevanten Daten für die Arbeit befinden, benötigen die Mitarbeiter ab sofort weder Schlüssel noch Zugangskarten, um verschlossene Türen des Unternehmens zu öffnen. Darüber hinaus können sie ihre Hand vor Computer der Firma halten und überspringen damit den Schritt der Anmeldung. Ebenso sind Smartphones in der Lage, die implantierten Chips zu lesen, sodass keine Kontaktdaten mehr eingegeben werden müssen, wenn einer der Mitarbeiter seine Nummer weitergeben möchte.

In Russland wurde ein ähnliches Projekt durchgeführt, allerdings hat sich hier der Technologie-Fan Jean Schuschkow aus Moskau für die Privatnutzung eines Chips entschieden. Auch er darf in Zukunft auf Wohnungsschlüssel und Co. verzichten, da er allein durch den Chip Türen öffnen kann. In Russland folgten schon weitere Überlegungen, was mit einem solchen Chip noch möglich wäre. Im Gespräch waren beispielsweise das Verwenden von Chips als Fahrkarten oder Eintrittskarten. Theoretisch kann in einen Chip alles programmiert werden, was sich auch auf einem herkömmlichen Smartphone befindet.

Was Menschen zum Wohle des Unternehmens opfern

Verläuft das Pilotprojekt erfolgreich, werden sicherlich andere Firmen nachziehen. Die Chips kosten gerade einmal 100€ und enthalten alle relevanten Daten. Eine Umfrage, die vom Softwareunternehmen Kaspersky durchgeführt worden ist, zeigte, dass Europäer im Allgemeinen bereit seien, sich Chips unter die Haut implantieren zu lassen.

Deutsche gehören zu den wenigen Ausnahmen: Für etwa die Hälfte der befragten Deutschen sei dieser Schritt undenkbar.

Dass für viele Menschen allerdings die Arbeit an erster Stelle kommt und erst danach die eigene Gesundheit und Familie folgen, hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach gezeigt. Im Jahr 2015 wurden allein in Deutschland rund 1,8 Milliarden Überstunden ohne Bezahlung geleistet, was umgerechnet bedeutet, dass jeder Arbeitnehmer über eine Woche kostenlos für sein Unternehmen gearbeitet hat.

In Umfragen klagen Arbeitnehmer immer wieder, sie befürchten, dem Druck auf der Arbeit nicht mehr standzuhalten. Die Folgen: Burn-Out und andere psychische Leiden, die die Gesundheit der Arbeitnehmer beeinträchtigen. Doch während die meisten deutschen Arbeitnehmer wenigstens in ihrer Mittagspause kurz abschalten können, verzichten in Japan und China viele Arbeitnehmer sogar darauf.

„Bubble Tea“ dürfte vielen Menschen auch hierzulande noch ein Begriff sein: Vor einigen Jahren entstand ein riesiger Hype um das süße und stark zuckerhaltige Getränk, bei dem es sich um eine Art Tee mit süßen Zuckerbläschen handelte. In asiatischen Ländern diente der Bubble Tea aber nicht nur als leckeres Getränk für zwischendurch. Aufgrund seines hohen Energiegehalts sollte der Bubble Tea die Mittagspause überflüssig machen und die Mitarbeiter während ihrer Arbeit am PC mit der notwendigen Menge an Kohlenhydraten und Flüssigkeit versorgen. Dank Strohhalm und Plastikbecher war ungehindertes Arbeiten weiterhin problemlos möglich, ohne dass Hunger für eine Unterbrechung sorgte.

Gefährliche Entwicklung

Chips wie solche hier werden bei Hunden und Katzen angewandt. Impantate für Menschen sind jetzt neu

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Seine Freizeit für das Unternehmen zu opfern ist die eine Sache, sich Chips einpflanzen lassen, die andere. Das ist nicht nur ein großer Eingriff in das Leben der Mitarbeiter, sondern könnte in Zukunft auch stark die Privatsphäre einschränken. Menschenrechtsforscher befürchten, dass ein solcher Chip nicht nur dazu genutzt werden könnte, Türen zu öffnen und betriebsinterne Anmeldungen durchzuführen. Er könnte ebenso gut aufzeichnen, wo der Mitarbeiter sich gerade befindet, wo er seine Zigarettenpause verbringt und wie lange diese dauert. Darüber hinaus lässt sich der Chip nach Feierabend nicht entfernen.

Unternehmen könnten auf diese Weise private Daten über die Mitarbeiter sammeln, ohne großen Aufwand betreiben zu müssen. Mit welchen Kollegen hat der Mitarbeiter am Abend zu tun, wie verbringt er sein Wochenende und wo kauft er seine Lebensmittel ein. Man sollte sich vor einem solchen Eingriff definitiv fragen, ob es erhöhter Komfort wirklich wert ist, die Privatsphäre einzuschränken oder gar aufzugeben.

Zukunft von Arbeitnehmern abhängig

Umfragen, die sich mit dem Wohlergehen von Arbeitnehmern beschäftigen, zeigen eindeutig, dass sich Arbeitnehmer immer mehr dem Unternehmen verpflichtet fühlen und sogar in der Freizeit nicht mehr abschalten können. Mehr oder weniger freiwillig verteilt man seine Handynummer an Kollegen und den Chef und ist so ständig erreichbar.

Geht der Trend in diese Richtung weiter, ist es durchaus denkbar, dass das Implantieren von Chips von Unternehmen zunächst freiwillig erfolgt und später vielleicht sogar verlangt wird. Daher ist es wichtig, dass Arbeitnehmer schon jetzt auf ihre Rechte beharren. Vor einigen Jahrzehnten sind Arbeiter auf die Straßen gegangen, um für ihre Rechte zu demonstrieren: Das Ergebnis waren Gesetze, die dem Schutz der Arbeitnehmer dienten und ihm ein Recht auf Pausen oder Urlaub gewährten. Das sollte man bei all der Liebe zum Unternehmen nicht vergessen und sich Folgendes klar machen:

Freiwillige Überstunden, der Verzicht von Pausen oder das Einpflanzen von Chips werden im Laufe der Zeit dafür sorgen, dass wir diese wertvollen Rechte freiwillig abgeben.